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„Metal Flash“: Tobias Schumacher im Interview

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Im Sommer 2013 wurde ich von Jan Meyer, Chefredakteur des französischen Metallbau-Fachmagazins „Metal Flash“ interviewt. Meyer begleitet auch das Kunstschmiedehandwerk mit großem Interesse. Thema war deshalb die europäische Schmiedeszene im Allgemeinen, jene in Frankreich im Besonderen und was ich darüber denke – als langjähriger, ehemaliger Chefredakteur der internationalen Zeitschrift für Metallgestalter „Hephaistos“. Das Interview haben wir auf Deutsch geführt, Jan Meyer übertrug es ins Französische und arbeitete es in seinem Magazin in eine große Reportage ein.

Metal Flash: Tobias Schumacher, soweit wir von Kreativität und Dynamik sprechen, wie würdest Du die europäische Schmiedewelt bezeichnen?
Tobias Schumacher: Eine homogene europäische Schmiedewelt existiert nicht. Der Begriff impliziert eine gehörige Portion Idealisierung der Gegenwart und Verklärung der Vergangenheit. Auch ist die Frage nicht repräsentativ für jedes Land zu beantworten. Beispielhaft für Kreativität und Dynamik möchte ich England und Russland nennen, wo die Schmiede viel für Nachwuchs, Aus- und Weiterbildung und in der Restaurierung tun. Künstlerisch mithin am kreativsten sind sicher die jungen Kollegen aus der Tschechischen Republik, die nicht nur mit der Schule in Turnov hervorragende Ausbildungsmöglichkeiten besitzen. In Deutschland gehen mehr und mehr herausragende Persönlichkeiten verloren, die eine nächste Generation intellektuell und gestalterisch „heranziehen“ könnten. Ähnlich sehe ich das in Österreich und in den Benelux-Ländern. Außerdem muss der Dynamik und Kreativität der wirtschaftliche Erfolg einer Kunstschmiede-Werkstatt gegenüber gestellt werden. Da gingen in den vergangenen Jahren immense Marktanteile verloren. Und das gilt für ganz Europa.

Metal Flash: Wo und wer sind die Leitfiguren zur Zeit in Europa ?
Wenn wir unter „Leitfigur“ fachlich höchst qualifizierte und didaktisch versierte Persönlichkeiten wie Alfred Habermann verstehen, gibt es in Europa derzeit keine Leitfigur mehr. Darüber hinaus ist es gefährlich, Namen zu nennen, da eine Aufzählung Menschen vergisst, die in ihrer unmittelbaren Umgebung, in ihrer Werkstatt, bei ihren Auszubildenden, vielleicht gar bei Wandergesellen oder in ihrem Fachgebiet Herausragendes leisten. Ausnahmen bilden hier England, Tschechien, Russland und auch die Ukraine, wo eine ältere Generation meines Erachtens sehr darauf achtet, dass ein Unterbau nachkommt. Ähnliche Tendenzen sehe ich zudem im Baltikum, in Skandinavien und Italien.

Metal Flash: Wie sieht aus Deiner Ansicht die Schmiedebranche aus in Frankreich?
Am wirksamsten in Erscheinung treten in der Öffentlichkeit seit Jahren die katalanischen Schmiede, die Messerschmiede in Thiers und aus anderer Perspektive die „Compagnons du Devoir“. Mein Bild der französischen Szene ist eines von lokalen „Inseln“, auf denen immer wieder Aktivitäten aufflackern – und bald auch wieder verglühen. Es gab Bemühungen in der Provence, der Bretagne, der Normandie oder der Île-de-France, die Schmiedekollegen untereinander besser zu organisieren, zu vernetzen, unter Marketing- und Ausbildungsaspekten voran zu bringen. Vieles war nicht mehr als ein Strohfeuer.
Ich bin daher gespannt, was im Burgund von der neu gegründeten „Fédération Francaise des Ferroniers et Forgerons – 4F“ ausgeht, die im Juni 2013 erstmals ein internationales Treffen ausgerichtet hat, das hochkarätig besetzt war. In der Kleinstadt Varzy plant sie eine länderübergreifende Schmiedeklasse zur Ausbildung in Frankreich. Generell ist mir die Schmiedeszene in Frankreich in dem einen Jahrzehnt, das ich das Handwerk inzwischen weltweit begleite, rätselhaft geblieben. Und ich habe nicht wenige gehört, die über Frankreich gesagt habe: „Bei uns ist das Kunstschmiedehandwerk tot.“

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